Leinen & Wolle – Spurensuche auf der schwäbischen Alb bis 8. 10. 17 im Museum Villa Rot

Leinen & Wolle – Spurensuche auf der schwäbischen Alb bis 8. 10. 17 im Museum Villa Rot

inter!m-Projekt

Die hier beschriebenen Arbeiten sind im ersten Halbjahr 2017 unter dem Titel "leinen & wolle: spurensuche auf der schwäbischen alb" als Teil des Projekts "inter!m-Kulturhandlungen" entstanden.
Als Kunstakteurin bin ich ausgewählt worden, dem textilen Erbe auf der Schwäbischen Alb nachzuspüren. Dabei spielten in meinem Konzept Leinen und Wolle die erste Geige. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte und Kultur der Region, der Dialog mit und die Unterstützung durch die Älbler_innen waren Voraussetzung und Ausgangspunkt meiner Mitarbeit.

Mehr über meine Such- und Sammelaktion hier

identität suchen und formen

Der Leitgedanke der inter!m – Kulturhandlungen ist es „die eigene Heimat durch viele innovative Initiativen als alten, neuen und künftigen Kulturraum sichtbar zu formen, um damit eine nachhaltig und überregional wirkende Identifikation zu erreichen.“

 

teil von TRAFO

"inter!m-Kulturhandlungen", ein Element in der "Lernenden Kulturregion Schwäbisch Alb", wurde u.a. durch TRAFO-Modelle für Kultur im Wandel (eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes) und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert.

textile geschichten

Auf die heute auf der Alb lebenden Menschen wollte ich angewiesen sein, um das spürbar Alte und die Jetzt-Zeit auf direktem Weg kennenzulernen. Das "Damals" wurde mir erzählt, das "Davor" konnte ich in Heimatmuseen, Bibliotheken und Büchern herausfinden (siehe Seitenanfang und unten "alb - damals, davor und jetzt", Collage aus 58 Leinwände à 12 x 12 cm). Die materiellen Schenkungen der Älbler_innen, die erzählten Erinnerungen und die privaten Schilderungen - sogar Geheimnisse - waren Inspiration und Ansporn zugleich.

alb - damals, davor und jetzt

Die große Anzahl textiler Erzeugnisse , die mir seit Anfang des Jahres übergeben oder gesendet wurden, finden in "alb - damals, davor und jetzt" Ausdruck. Die uniforme Größe 12 x 12 cm soll den Gedanken wiederspiegeln, dass jede Geschichte, jedes Stück Kleidung/ Stoff/ Verzierung, die gleiche Wertigkeit hat. Sie ruhen auf der Vergangenheit und geben Einblicke in die materielle Kultur von damals. Nicht nur viel Leinen in unterschiedlichen Qualitäten kam bei den zwei Such- und Sammelterminen im Pflügerhaus in Münsingen im Januar 2017 zusammen, sondern auch Hinweise und Informationen zu früher bekannten, international bedeutenden Textilfirmen auf der Schwäbischen Alb (siehe _entwirrung).

Die nach Mössingen, am Fuße der Alb, von Pausa in Vogtland verlegte, im Jahr 1911 von den Brüdern Löwenstein gegründete, Textildruckfirma muss gesondert erwähnt werden. Heute steht der historisch wertvolle Dekorstoffhersteller Pausa als Industriedenkmal dar. Ob in Mössingen auf dem Pausa-Gelände in Zukunft ein Textilmuseum, ein Archiv o.ä. eingerichtet wird, ist bis dato nicht entschieden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders ab Ende der 1950er Jahre, galt Pausa als einer der global innovativsten und künstlerisch führenden Industriebetriebe im Textildruck. Anfang 2000 wurde die Produktion eingestellt.

entwirrung

Ein ausrangiertes, 10 Meter langes Kletterseil, das einem Stuttgarter sportliche Herausforderung und Entspannung in der Natur am Wiesfels auf der Alb bescherte, war Inspiration für diese Installation. Die straff gezogenen Fäden in _entwirrung stehen aber auch für die Grundelemente des textilen Erbes der Schwäbischen Alb: Leinen und Wolle. Das Verhedderte wird geordnet und bekommt Struktur...

 

verpackte erinnerung

Die mit blaugemusterter Tapete bezogene, aus einem Kleiderschrank entfernte Rückwand steht stellvertretend für die Aufbewahrung von Kleidung und Gewebe. Die hübsch bedruckte Papierlage ist abgenützt, weist Farbverschiebungen auf und ist teilweise ganz verschwunden. Stehengebliebene Zeit und Alter sind spürbar, auch Wertigkeit.

 

Der Originalschrank war vermutlich früher mit der Aussteuer befüllt. Leinen aus Laichingen gehörte in vielen Teilen Deutschlands dazu. Die Qualität der früher unter härtesten Bedingnungen - in unbeheizten , dunklen Kellerräumen (Dung) mit über 70% Luftfeuchtigkeit - entstandenen Laichinger Leinentücher, ist noch heute unter Textilhistorikern ein Begriff.

Einer netten Dame in Münsingen war es sichtlich unangenehm, dass ihr mitgebrachter, alter Leinenstoff kleine Rostflecken aufwies. Bei der Begegnung kam mir der Impuls diese unerwünschten, schwer entfernbaren Markierungen als Ausgangspunkt für die Musterung bewusst zu unterstützen und eher hervorzuheben. Zusätzlich habe ich mit rostfarbigem Leinengarn ergänzende Farbkleckse auf das Trägermaterial gestickt. Die im Stoff steckende Nadel soll einen kleinen Hinweis darauf geben, dass eine Hand zuletzt den Stoff berührt und bearbeitet hat und nicht eine Maschine.

true black - alpakaschaf

Ein interkulturelles Zusammenspiel in Schwarz-Weiß aus Schafwolle und Alpakaschaf. Schafzucht und raue Wolle hängen traditionell mit der Alb zusammen. Heute grasen zusätzlich Alpakas, eine aus Südamerika importierte Kamelart vielerorts auf der Alb.
Etwa 1 kg des wertvollen, exzellent wärmespeichernden, weichen Alpakahaar wird pro Tier jährlich gewonnen. Bei manchen Tieren ist das Haar von Geburt an tiefschwarz oder "true black". (Foto unten links.)

broken earth

Bitterarm soll die Region Schwäbisch Alb lange gewesen sein. "Rauhe Alb" ist die vielleicht älteste Bezeichnung dieses süddeutschen Mittelgebirges. Das Klima ist nicht damit gemeint, sondern die Unebenheit des Bodens. (Foto unten rechts.)

dekonstruiertes mieder

Unsichtbares sichtbar machen, das Innen nach außen treten lassen, um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen. (Großes Bild in der Mitte.)
Das Wertvolle an diesem Mieder ist die Goldlamé- Lochspitze, eine Klöppeltechnik, in der Tradition der Bodensee-Goldradhaube. Eine in Stuttgart lebende Älblerin schenkte mir dieses in ihrer Familie lage aufbewahrte und hochgeschätzte Kleidungsstück, das vermutlich aus Oberschwaben stammt. Collage aus ca. 62 Teilen auf einer Fläche von ca. 80 x 60 cm.

lauf läufer, lauf

Mein Läufer bezieht sich nicht auf ein längliches Stück Stoff für den Tisch, sondern auf die frühere Anwendung des textilen Erzeugnisses. Er fand auf dem Boden oder auf der Treppe Verwendung.
Die Schenkung war ursprünglich 7,5 m lang und 0,55 m breit, knappe 100 Jahre alt und roch nach Staub. In dem gerafften dreidimensionalen Textilobjekt wird eine neue Anmutung erkennbar. Es ist eine Interpretation der Kulturlandschaft der Schwäbischen Alb, Etymologisch geht ihr Name auf die Farbe der weißen Kalksteine zurück. (Bild unten links.)

hand meets machine

Eine Hommage an den Berufstand der Weber.
Schafvlies kann sowohl mechanisch zu qualitativ hochwertigem Industriefilz verarbeitet als auch von Hand zu Garn gesponnen werden. Der Anfang ist identisch, die darauffolgenden Arbeitsschritte höchst unterschiedlich. Der Konzeptkünstler Joseph Beuys (1921-1986) bezog seinen oft in den Kunstwerken verwendeten hochwertigen Filz von der Firma Vereinigten Filzfabriken in Gingen Ostalb. Auch meine Kreise sind von dort.
Mit der von mir gesponnenen Wolle wurden sieben Kett- und sieben Schussfäden zu den Grundwebbindungen Leinwand, Köper und Atlas in der Mitte des jeweiligen Filzkreises anschaulich "gewebt". Das Wiedergeben dieser Ketthebungen und Kettsenkungen gehört zur Bindungslehre jedes Webers.
Diese Arbeit ist meine Referenz an die vielen, seit Jahrhunderten in prekären Umständen lebenden Weber auf der Alb. Es ist mein Anliegen diese Menschen ein wenig "sichtbar" zu machen.

 

inter!m-Projekt und Museum Villa Rot
Weitere Informationen gibt es hier